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Leseprobe

 

Geschichten zum Vorlesen und selber lesen für Kinder ab 5 Jahren

 

Der schwarze Räuber

. . . .

Dass sein Freund verträumt zum Himmel schaut, ist für Jamiro zu verlockend. Wieder taucht er seine Hände in das Wasser. Aber statt sich das Wasser ins Gesicht zu spritzen schubst er eine Fontäne auf Bill. Erschrocken taumelt der nach hinten, und kann gerade noch verhindern ins Wasser zu fallen.

„Na, warte!“, kreischt Bill.

Sofort ist eine wilde Wasserschlacht im Gange.

Jamiro ruft lachend: „Frieden! Frieden!“. Und hält inne. Er ist ganz schön aus der Puste, weil er we­gen der Verletzung noch geschwächt ist.

Bill hört auf mit dem Wasser zu spritzen, und sieht im gleichen Augenblick wieder den großen Vogel. Diesmal sitzt der Vogel auf dem Stein am Ufer, auf dem Jamiro sein Amulett gelegt hat.

 Der Rabe klaut das AmulettDer Rabe klaut das Amulett

Bill ruft schockiert: „Schau mal!“, und zeigt dabei in die Richtung, wo sich der Vogel befindet.

Sogleich dreht Jamiro seinen Kopf in die angezeigte Richtung. Er sieht einen pechschwarz glänzenden, großen Raben, der gerade mit seinem Schnabel eifrig auf das Amulett pickt.

„Lässt du das wohl sein!“, schreit Jamiro und stürmt durch das Wasser dem Ufer zu. Bill stürzt sofort hinterher. Schneller, als die Jungen bei dem Stein sein können, hat der Rabe das Amulett mit seinem kräftigen Schnabel gepackt, und fliegt damit davon.

Entsetzt schauen die beiden Jungen dem Raben hinterher. Der lässt sich ein Stückchen weiter am Flussufer nieder, um seine Beute genau zu unter­suchen.

Jamiro und Bill hüpfen schnell in Mokassins und Stiefel. Dann laufen sie zum Raben.

Neugierig dreht der Rabe das Amulett von einer Seite auf die andere, und zupft an dem Lederband. Die beiden aufgeregten Jungen kommen dem Ra­ben ziemlich nahe, bevor er sich mit dem Amulett wieder in die Luft erhebt.

Der Rabe fliegt auf die nahen Berge zu.

„Was machen wir nun?“, fragt Bill ganz außer Atem.

Jamiro brüllt: „Los! Auf die Pferde und hinterher!“, noch während er spricht, rennt er auch schon zu der Stelle, wo die Pferde grasen.

Pepper und Aponi heben verblüfft die Köpfe, als die beiden Jungen auf sie zu rasen. Bei den Pferden angekommen, greift sich jeder das Zaumzeug für sein Pferd, das an dem Ast eines Baumes hängt. Ein jeder zieht es seinem Pferd hastig über den Kopf. Fast gleichzeitig springen sie auf die Pferde­rücken und preschen los.

Angesteckt von der Hektik der Jungen rasen die Pferde im gestreckten Galopp über das Land auf die Berge zu.

Die Jungen lassen den Raben nicht aus den Augen und sehen, wie er hinter der hohen felsigen Wand eines Berges verschwindet.

Endlich haben auch die Jungen die Stelle erreicht. Auf einem großen Felsvorsprung in ungefähr zehn Meter Höhe hat sich der Rabe niedergelassen. Das Amulett scheint vor ihm zu liegen; man sieht ein Stückchen des breiten Lederbandes über den Felsenrand herabhängen. Unbemerkt beobachtet der Rabe die Jungen.

Jamiro und Bill schauen sich suchend um, ob sie den Raben irgendwo entdecken können.

Plötzlich hören sie ein lautes Krächzen; fast so, als würde der Rabe sie extra auf sich aufmerksam ma­chen wollen.

„Da oben sitzt er!“, ruft Bill überflüssig.

Jamirohat ihn auch entdeckt.                                                                               

Beide rutschen von den Pferden und suchen einen Weg, um auf den Felsvorsprung zu gelangen.

Jamiro beginnt an einer geeigneten Stelle zu klettern. Bill folgt ihm geschwind.

Interessiert schaut der Rabe zu, wie die Jungen ge­schickt, Stück für Stück, den Berg hinauf klettern. Beide schwitzen ganz ordentlich. Bill denkt sehn­süchtig an die kühle Wasserschlacht, die beide noch vor kurzem erlebt haben.

 

Endlich ist Jamiro am Rande des Felsvorsprungs angekommen und klettert darauf. Für einen kurzen Moment verschwindet er aus Bills Blickfeld.

Jetzt ist auch Bill an der Kante des Felsvorsprungs angelangt. Er beobachtet, wie Jamiro sich langsam und geduckt zum Raben bewegt, der ungefähr fünf Meter weit entfernt sitzt.

Das Amulett liegt tatsächlich vor ihm.

Bill klettert nun ebenfalls auf den Felsvorsprung und bleibt ruhig in der Hocke sitzen. Der Rabe lässt Jamiro ganz nah herankommen. Dann packt er sich erneut das Amulett, und fliegt mit ihm davon. 

Jamiro versucht noch einen Sprung, um das Amu­lett zu erwischen, jedoch ist der Rabe schneller.

Verzweifelt dreht er sich zu seinem Freund um: „Was soll ich jetzt nur machen? Das Amulett ist ein Geschenk von meinem Großvater und stellt mein Krafttier dar.“

Die Indianer glauben, dass sie gedanklich mit einem Krafttier verbunden sind. Das steht ihnen im Leben wie ein Schutzengel zur Seite.

Manchmal kommt ein neues Krafttier zu Besuch.

 

Bill ist gerade abgelenkt, weil sein Blick auf einen Spalt gefallen ist, der sich in der glatten Felswand befindet. Rechts und links daneben sind einige Symbole aufgemalt.

Bill geht neugierig darauf zu und sagt: „Schau mal hier. Sieht aus wie ein Eingang.“  

 

Nun sieht auch Jamiro den Spalt im Felsen und die Zeichnungen zu beiden Seiten. Interessiert stehen beide davor. Während Bill fieberhaft versucht, im Inneren etwas zu erkennen, schaut sich Jamiro die Zeichnungen genauer an.

Jamiro sagt: „Das sind Zeichnungen meines Stammes. Sie scheinen sehr alt zu sein.“

Auch Bill sieht sich jetzt die Symbole an. Es sind Zeichnungen von verschiedenen Tieren.

Bill geht dicht an den Eingang heran und steckt forsch seinen Kopf hinein.

„Lass das lieber.“, flüstert Jamiro, „bestimmt dürfen wir das nicht.“

Im gleichen Moment ist Bill in dem Spalt ver­schwunden. Jamiro verdreht die Augen und geht mit einem mulmigen Gefühl hinterher.

Die Jungen wundern sich darüber, dass sie in einem geräumigen Höhlengang stehen. In einer Felsnische brennt eine Flamme in einem Gefäß. Das düstere Ende des Ganges ist nicht zu erkennen.

Vorsichtig gehen die Freunde tiefer in die Höhle hinein. Es ist angenehm kühl hier drin. Die Augen haben sich mittlerweile an das dämmrige Licht gewöhnt. Der Gang wird immer breiter.

Wie bei einem Trichter kommen sie nun an die breiteste Stelle. Der große Raum ist so hoch, dass man die Decke nur erahnen kann. Hier flackern sechs Flammen, die in einem Kreis angeordnet sind. In der Mitte glänzt etwas Silbernes.

In der verborgenen HöhleIn der verborgenen Höhle

 

Jamiro sagt leise: „Ich denke, wir sollten nicht hier sein.“

Doch Bill ist zu neugierig. Zögernd geht er auf die Flammen zu, um genau zu sehen, was dort in der Mitte liegt. Er erkennt ein silbernes Amulett an ei­nem Lederband.

„Jamiro!“, flüstert er aufgeregt, „komm‘ mal her.“

 

Langsam kommt Jamiro näher. Vorsichtshalber schaut er sich um, ob er etwas Bedrohliches erken­nen kann. Dann sieht auch er, was dort in der Mitte des Flammenkreises liegt. Es sieht aus wie sein Amulett, mit dem der Rabe weggeflogen ist.

Beide starren ungläubig auf das Amulett, als sie ein Rascheln hören.

Blitzschnell drehen sich beide um und schauen in den Höhlengang. Nichts ist zu sehen. Doch jetzt raschelt es noch einmal. Das Geräusch kommt von weiter oben, wo die Dunkelheit herrscht. Nichts ist zu erkennen.

Plötzlich huscht etwas an ihren Köpfen vorbei.

Erschrocken fragt Bill: „Was war das?“

„Ich weiß es nicht.“, antwortet Jamiro unsicher.

Wieder raschelt es. Und wieder huscht etwas an ihren Köpfen vorbei.

Jetzt ist es den Jungen sehr unheimlich.

Das Rascheln wird immer intensiver. Vereinzelt kann man in den Flammen kleine, wilde Schatten erken­nen, die an den Jungen vorbei huschen. Diese Schatten werde immer zahlreicher.

Entschlossen fasst Bill Jamiros Hand und will mit ihm aus der Höhle rennen. Doch Jamiro reißt sich los, stürzt sich mutig in den Kreis aus kleinen Flammen und greift das silberne Amulett.

Schnell dreht er sich wieder um zu seinem Freund, der fast gefallen wäre, und beide stürmen dem Ausgang entgegen.

Mittlerweile sind sie umschwärmt von den unheimli­chen Schatten.

Der Spalt in der Felswand ist kaum zu erkennen. Die Sonne ist in der Zwischenzeit fast unter­gegangen, so dass nur Dämmerlicht zu sehen ist.

Bill stürmt zuerst aus der Höhle hinaus und Jamiro sofort hinter her.

Jetzt erkennen beide, was es mit den Schatten auf sich hat.

In der Höhle leben tausende Fledermäuse, die nun in der Dämmerung erwachen, und auf die Jagd gehen. Wie Rauch aus einem Kamin verlassen die Fledermäuse den Spalt im Felsen. Weiter oben zerstreuen sie sich in alle Richtungen auf der Jagd nach der besten Beute.

Fasziniert beobachten die beiden Jungen die Fledermäuse, bis Jamiro sich an das Amulett erinnert, dass er in der Hand hält.

Im letzten Licht der untergegangenen Sonne schaut er sich das Amulett genauer an. Es zeigt einen an­deren Vogel als sein Amulett, das der Rabe weg­getragen hat.

Der Vogel auf diesem Amulett stellt einen Raben dar.

Jamiro sagt erstaunt: „Das gibt’s doch nicht.“

„Was hast du?“, fragt Bill.

Jamiro sagt: „Sieh einmal, dieses Amulett hängt an meinem Lederband, aber es ist ein anderes.“

Bill fragt: „Woher willst du das so genau wissen?“

Jamiro antwortet ungeduldig: „Siehst du die Schweißflecken auf dem Lederband?“

Dabei streckt er Bill das Band hin.

Bill sagt: „Ja – und weiter?“

„Diese Stelle hier“, erklärt Jamiro, während er auf eine bestimmte Stelle auf dem Lederband deutet, „hat die Form einer Schlange mit herausgestreckter Zunge.“

Bill nickt: „Ja, du hast recht.“

Jamiro sagt: „Daran erkenne ich, dass es mein Lederband sein muss.“

Bill fragt: „Was mag das bedeuten?“

Jamiro sagt: „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wer es wissen sollte. Komm, lass uns zum Medizinmann reiten.“

 

Die Jungen machen sich zügig an den Abstieg.

Es ist dunkel, als sie unten am Berg ankommen. Der Mondschein macht es möglich, dass sie ein wenig sehen können.

Sie rufen ihre treuen Pferde, die mit einem leisen Wiehern antworten. Sie hören Hufgetrappel aus der gleichen Richtung und wissen, dass Pepper und Aponi näher kommen. Zuerst leuchtet Aponis weiße Mähne in der Dunkelheit. Dann sind beide Pferde zu erkennen.

Die Jungen laufen ihnen entgegen und springen auf. Im Trab reiten sie zurück zum Dorf.

Der Medizinmann sitzt neben einem Feuer vor sei­nem Zelt.

 Der weise Medizinmann vor seinem TipiDer weise Medizinmann vor seinem Tipi

 

Es scheint so, als ob er auf die Beiden gewartet hat, die gerade von ihren Pferden rutschen.

Jamiro fragt höflich: „Darf ich mit dir sprechen und unser Erlebnis erzählen?“

„Ja.“, sagt der Medizinmann ohne seinen Blick vom Feuer zu nehmen. „Setzt euch.“

Jamiro erzählt bewegt das gerade Erlebte. Als er mit der Geschichte zu Ende ist, streckt er dem Medizin­mann das Amulett entgegen.

Der Medizinmann betrachtet es genau und erklärt:

„Für deine jetzige Lebensphase hast du ein anderes Krafttier bekommen.

Der Rabe ist jetzt dein dir verbundenes Tier. Seine guten Eigenschaften sind die Erneuerung und die Heilung. Er ist vorausschauend, mutig und klug.

Seine schlechten Eigenschaften sind, dass er räuberisch und aggressiv ist.

Nutze seine guten Eigenschaften auf deinem Lebensweg zum Mann.“

 

Danach reitet ein jeder zu sich nach Hause mit der Gewissheit, dass es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht verstehen.

 

 

ISBN: 978-3839190975

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